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Wann sind Open Source Projekte digital nachhaltig?

Wann sind Open Source Pro­jekte digi­tal nachhaltig?

von Dr. Mat­thias Stür­mer, For­schungs­stelle Digi­tale Nach­hal­tig­keit, Uni­ver­si­tät Bern | 22.07.2015

Open Source ist Vor­aus­set­zung, dass eine Soft­ware digi­tal nach­hal­tig sein kann. Aber nicht alle Open Source Pro­jekte sind auch digi­tal nach­hal­tig. Vier wei­tere wich­tige Eigen­schaf­ten ver­grös­sern die digi­tale Nach­hal­tig­keit von Software-​Lösungen.

Digi­tale Nach­hal­tig­keit will den gesell­schaft­li­chen Nut­zen von digi­ta­len Gütern maxi­mie­ren und defi­niert sich dadurch, dass digi­tale Wis­sens­gü­ter ressourcen-​schonend her­ge­stellt, frei genutzt, kol­la­bo­ra­tiv wei­ter­ent­wi­ckelt und lang­fris­tig zu-​gänglich sind. Mit ande­ren Wor­ten ist Soft­ware digi­tal nicht nach­hal­tig, wenn recht­li­che oder tech­ni­sche Abhän­gig­kei­ten zu einer Firma oder einer Ein­zel­per­son beste­hen. Damit wer­den künf­tige Gene­ra­tio­nen in ihrer Hand­lungs­frei­heit ein– geschränkt, was der grund­le­gen­den Defi­ni­tion von Nach­hal­tig­keit widerspricht.

Digi­tal nach­hal­tige Eigen­schaf­ten von Open Source Pro­jek­ten

Eine Vor­aus­set­zung für digi­tale Nach­hal­tig­keit von Soft­ware sind Open Source Lizen­zen, unter denen die digi­ta­len Güter zugäng­lich gemacht wer­den. Nur dadurch ist sicher­ge­stellt, dass das geis­tige Eigen­tum frei für alle ver­füg­bar ist und unbe-​schränkt genutzt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kann. Aus­ser­dem garan­tie­ren Open Source Lizen­zen, dass der Quell­code voll­stän­dig trans­pa­rent ein­seh­bar ist, was auf­grund der Gefahr von Back­doors für NSA & Co. in pro­prie­tä­rer Soft­ware an neuer Rele­vanz gewon­nen hat. Diese posi­ti­ven Eigen­schaf­ten von Open Source Pro­jek­ten sind jedoch nur not­wen­dig, aber nicht hin­rei­chend, um digi­tale Nach­hal­tig­keit zu gewährleisten.

1. Hete­ro­gene Com­mu­nities gewähr­leis­ten ver­teil­tes Wis­sen

Damit ein Open Source Pro­jekt tat­säch­lich digi­tal nach­hal­tig ist, sind wei­tere Vor­aus­set­zun­gen not­wen­dig. Ers­tens braucht es eine aktive Com­mu­nity, die mög­lichst breit abge­stützt ist. Nur so ist gewähr­leis­tet, dass das nicht greif­bare Wis­sen über den Code auf mög­lichst viele Köpfe ver­teilt ist. Ein gutes Bei­spiel ist der Linux-​Kernel, zu dem schon Tau­sende von Fir­men beige­tra­gen haben. Gemäss der dies­jäh­ri­gen Ker­nel Deve­lop­ment Stu­die der Linux Foun­da­tion beträgt der Anteil von Intel-​Entwicklern, die momen­tan am meis­ten zum Linux Ker­nel bei­tra­gen, gerade mal 10.5%. Das heisst, selbst wenn sich diese Firma völ­lig uner­war­tet sofort aus der Linux-​Entwicklung ver­ab­schie­den würde, wäre noch rund 90% der Weiterentwicklungs-​Aktivität sicher­ge­stellt. Das Gegen­teil ist der Fall bei einem kom­ple­xen Ein-​Mann Open Source Pro­jekt. Der Quell­code ist gemäss Open Source Defi­ni­tion zwar allen zugäng­lich, aber wenn die Per­son das Pro­jekt nicht mehr wei­ter­ent­wi­ckelt, ist wich­ti­ges Know­how über den Code verloren.

2. Öko­sys­tem von kom­mer­zi­el­len Anbie­tern ist wich­tig

Die­ses Bei­spiel zeigt, dass auch die kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung eines Open Source Pro­jekts wesent­lich für des­sen digi­tale Nach­hal­tig­keit ist. Es gibt einige Pro­jekte, die aus­schliess­lich von unent­gelt­lich täti­gen Ent­wick­lern vor­an­ge­trie­ben wer­den. Aber bei allen rele­van­ten, grös­se­ren Open Source Pro­jek­ten sind Men­schen enga­giert, die irgend­wie ihren Lebens­un­ter­halt damit ver­die­nen und des­halb auch lang­fris­tig inten­siv Zeit dafür inves­tie­ren kön­nen. Für Libre­Of­fice, dem Nachfolge-​projekt von Open​Of​fice​.org, bie­ten heute zahl­rei­che kleine Fir­men in der gan­zen Welt ihre Dienst­leis­tun­gen an. Gleich­zei­tig haben sie wie­derum Ent­wick­ler ange­stellt, die Ver­bes­se­run­gen und Erwei­te­run­gen für Libre­Of­fice pro­gram­mie­ren. Also stellt ein gesun­des Öko­sys­tem von kom­mer­zi­el­len Anbie­tern die zweite Vor­aus­set­zung für ein digi­tal nach­hal­ti­ges Open Source Pro­jekt dar.

3. Non-​Profit Orga­ni­sa­tio­nen koor­di­nie­ren Ent­wick­lung und machen Mar­ke­ting

Die Ent­wick­lung von kom­ple­xen Software-​Lösungen braucht eine pro­fes­sio­nelle Koor­di­na­tion, um bei­spiels­weise die Prio­ri­sie­rung neuer Funk­tio­na­li­tä­ten bei der Wei­ter­ent­wick­lung zu steu­ern. Bei pro­prie­tä­rer Soft­ware erle­digt dies der ent­spre­chende Software-​Hersteller als Eigen­tü­mer der Soft­ware. Wer aber über­nimmt diese Füh­rungs­rolle bei hete­ro­ge­nen Open Source Com­mu­nities? In grös­se­ren Open Source Pro­jek­ten wie dem Linux Ker­nel, Libre­Of­fice oder dem Open Source Con­tent Manage­ment Sys­tem TYPO3 sind dies Non-​Profit Orga­ni­sa­tio­nen, die sowohl Entwickler-​Firmen als auch Software-​Nutzer ver­bin­den. Kom­mer­zi­elle Open Source Anbie­ter sind Teil eines digi­tal nach­hal­ti­gen Open Source Pro­jekts. Juris­tisch gese­hen ist die­ses Kon­strukt ein Ver­ein oder eine Stif­tung, die das geis­tige Eigen­tum ver­wal­ten, den Ent­wick­lungs­pro­zess (Relea­ses) und die dazu not­wen­dige Infra­struk­tur auf faire Art kon­trol­lie­ren, qua­li­ta­tive Doku­men­ta­tio­nen erstel­len sowie pro­fes­sio­nelle Kom­mu­ni­ka­tion betrei­ben. Gerade Mar­ke­ting ist in der Software-​Industrie ent­schei­dend, geben doch Fir­men wie Adobe, Ora­cle oder Micro­soft gemäss ihren Jah­res­be­rich­ten rund dop­pelt soviel Geld für Ver­kauf und Wer­bung aus wie für ihre Software-​Entwicklung. Des­halb ist eine aktive Non-​Profit Trä­ger­or­ga­ni­sa­tion die dritte Vor­aus­set­zung für die digi­tale Nach­hal­tig­keit eines Open Source Projekts.

4. Gezielte Wei­ter­ent­wick­lung durch Anwen­der ermög­li­chen

Obwohl sich Anbie­ter von Open Source Soft­ware an Bedürf­nis­sen ihrer Kun­den ori­en­tie­ren, so kann es doch vor­kom­men, dass gewisse Anfor­de­run­gen der Nut­zer aus irgend einem Grund nicht oder nicht genü­gend rasch umge­setzt wer­den. Bei Open Source Pro­jek­ten besteht nun die Mög­lich­keit, dass sich Anwen­der zusammen-​schliessen und gemein­sam die Rea­li­sie­rung von bestimm­ten Funk­tio­na­li­tä­ten und Ver­bes­se­run­gen finan­zie­ren. Bei­spiels­weise haben vor eini­ger Zeit die Städte Mün­chen, Frei­burg i.B. und Jena sowie das Schwei­ze­ri­sche Bun­des­ge­richt und andere Orga­ni­sa­tio­nen gemein­sam die Wei­ter­ent­wick­lung von Libre­Of­fice vor­an­ge­trie­ben. Mit gemein­sam rund 150000 Euro haben diese öffent­li­chen Stel­len die ver­bes­serte Unter­stüt­zung des Micro­soft Doku­men­ten­for­mats OOXML rea­li­sie­ren las­sen. Gewisse Open Source Pro­jekte stel­len von sich aus bereits Platt­for­men zur Ver­fü­gung, damit Nut­zer gezielt Ent­wick­lun­gen direkt finan­zie­ren kön­nen. Dies för­dert als vierte Mög­lich­keit die digi­tal nach­hal­tige Ent­wick­lung von Open Source Pro­jek­ten, weil dadurch Lücken bei den Benut­zer­be­dürf­nis­sen geschlos­sen wer­den können.

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Über den Autor

Dr. Mat­thias Stür­mer ist Lei­ter der For­schungs­stelle Digi­tale Nach­hal­tig­keit am Insti­tut für Wirt­schafts­in­for­ma­tik der Uni­ver­si­tät Bern und seit 9 Jah­ren Vor­stands­mit­glied der Swiss Open Sys­tems User Group /​ch/​open.


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