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Schweizer Plattform für Open Source

25.10.2013 | von Hartwig Thomas, für die NZZ am Sonntag

Freie Software braucht Websites, auf denen Programmierer ihre Produkte anbieten können. Stiftungen sollten die Finanzierung übernehmen.

Open-Source-Software hatte früher den Ruf, nur ein unnützes Spielzeug für Computerfreaks zu sein, die kein Geld für proprietäre Programme ausgeben wollen. Doch diese Sicht entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Auf dem Internet und in vielen anderen Bereichen ist heute die Mehrheit der eingesetzten Programme Open Source – nicht weil sie gratis wären, sondern weil sie die Freiheit der Nutzer achten. Der Apache-Webserver beispielsweise wird auf 65% aller Websites eingesetzt. Das Betriebssystem Android läuft auf 79% aller Smartphones. Java ist mit 27% die am häufigsten eingesetzte Programmiersprache der Welt.

Was ist der Grund für den Siegeszug von Open Source, die doch auf den ersten Blick dem vernünftigen Geschäftsinteresse jedes Software-Anbieters zu widersprechen scheint? Es ist ganz einfach: Freie Software ermöglicht den Programmierern, neue Aufgaben zu lösen, indem sie auf den Vorarbeiten anderer Programmierer aufbauen. Sie erschaffen neue Produkte, indem sie auf bereits früher entwickelte Software zurückgreifen, diese modifizieren und erweitern. Es ist mit anderen Worten die Kooperation zwischen vielen Akteuren, die freier Software zu einem Vorteil gegenüber proprietären Produkten verhilft.

Kooperation aber ist nur dann möglich, wenn es digitale Plattformen gibt, auf denen Programmierer ihre Arbeit archivieren und anbieten können. Nur durch solche Repositorien funktioniert der freie Austausch von Software. Einige gewichtige Schlachtrösser wie etwa Google oder die Apache-Foundation haben eigene Plattformen eingerichtet. Millionen kleinerer Anwendungen aber benötigen frei zugängliche Repositorien, um ihre Open-Source-Software zu entwickeln und anzubieten, ohne dabei durch kommerzielle Plattformbetreiber bevormundet zu werden. Das ist nachhaltiger, als wenn jeder Programmierer und jede Kleinfirma ihre freie Software auf ihrer Homepage veröffentlichen, die spätestens mit dem Ableben der Betreiber verschwinden.

Die digitalen Repositorien sind für das Überleben und Gedeihen von freier Software daher von zentraler Bedeutung. Doch leider geraten sie weltweit zunehmend in finanzielle Bedrängnis, weil weder Firmen noch Staaten oder Stiftungen für die vergleichsweise niedrigen Betriebskosten aufkommen wollen. Während es relativ einfach ist, eine Finanzierungshilfe für zeitlich befristete Projekte zu erhalten, scheuen diese Stellen davor zurück, den zeitlich unbegrenzten Betrieb einer Plattform zu finanzieren. Alle finanzieren grosszügig Content, niemand finanziert Container.

Das illustriert das Beispiel von Source Forge, einer der ältesten und renommiertesten freien Plattformen. 2012 wurde Source Forge für 20 Millionen Dollar von Geeknet an die Firma Dice Holdings Inc. verkauft. Die neue Eigentümerin ist nun offenbar bestrebt, die Entwickler freier Software davon abzuhalten, wirklich freie Software herzustellen. Stattdessen werden sie dazu angehalten, beim Installieren ihrer Software auf den Rechnern der Benutzer zusätzlich und ohne um Einverständnis zu fragen unfreie Software zu installieren. Sie soll den Benutzer mit Werbung beglücken oder/und private Daten von seinem Computer an kommerzielle Drittparteien (zum Beispiel zu Werbezwecken) senden.

Wer bisher freie Software auf Source Forge publizierte, muss sich nach anderen Plattformen umsehen. Und das ist nicht einfach. Git Hub beispielsweise ist zwar sehr populär, zwingt den Entwickler aber dazu, ausschliesslich das Repositorium der Software Git zu verwenden – nicht gerade eine sehr freiheitliche Umgebung. Auch andere Plattformen für freie Software wie Google Code werden von grossen gewinnorientierten und NSA-verpflichteten amerikanischen Firmen bestimmt, wo Freiheit eher klein geschrieben wird.

Doch die Freiheit sollte uns mehr wert sein: Würde der Bund heute freie Software nutzen, könnten wir sicher sein, dass interne Dokumente nicht über eine Hintertür in proprietären Software-Produkten direkt an fremde Geheimdienste übermittelt werden. Der offene Quellcode auf einer freien Plattform wird von vielen kritischen Augen geprüft. Open Source dürfte deshalb die vor systematischer Überwachung am besten geschützte Umgebung darstellen. Wenn Lieferanten oder Programmierer unfreier Software ausfallen, gehen immer wieder Millioneninvestitionen verloren. Wo der vollständige Code offen verfügbar ist, können dagegen neue Anbieter das Programm warten und weiterentwickeln.

Der Betrieb von Repositorien ist für die Menschheit zu wichtig, um sie einzelnen multinationalen Firmen und Geheimdiensten zu überlassen, welche ihn jederzeit von heute auf morgen abstellen können. Eine Plattform für freie Software ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Welterbes und ein kräftiger Wirtschaftsmotor. Was wir deshalb brauchen, ist ein weltweiter Verbund nationaler digitaler Bibliotheken, der sicherstellt, dass dieses Implementations-Know-how der Menschheit nicht verloren geht.

Die Schweiz wäre ein idealer Standort für ein neues, von kommerziellen Interessen freies Repositorium. Denn anders als andere Länder Europas und die USA kennen wir kein Leistungsschutzrecht für Datenbanken: solange die Inhalte der Datenbank frei sind, darf in der Schweiz die gesamte Datenbank ohne Einschränkung repliziert werden. Denn für die Datenbank selbst gilt hierzulande kein Urheberrecht. Ausserdem geniesst unser Land internationales Vertrauen und ist der Sitz vieler finanzkräftiger Stiftungen. Sie sollten die Bedeutung eines digitalen Repositoriums erkennen und seine Finanzierung übernehmen. Die Kosten sind überschaubar, der Nutzen für die Allgemeinheit dafür umso grösser.



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